Die frühen Jahre

Aus der Festschrift anlässlich des 100-jährigen Bestehens 2002:

1902 wurde auf Initiative von Simon Dünstl, Mesner und Organist in Feldkirchen, mit „…einer kleine Schar wackerer Sänger“ die Liedertafel in Rott am Inn gegründet. Es waren anfangs sieben Männer, die zum gemeinsamen Singen zusammen kamen.

Der erste Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit wird wie überall dem Vereinsleben Abbruch getan haben. Bild von 1920

Am 3. August 1922 war dann für die Liedertafel der große Tag der Standartensegnung. Wie damals der „Wasserburger Anzeiger“ berichtet, kamen von auswärts 17 Vereine, die man am Bahnhof mit Musik und dem „Sängerspruch“ begrüßte. Ein großer Kirchenzug der örtlichen und der Gastvereine bewegte sich zum festlichen Gottesdienst in den Kaiserhof. Die Liedertafel Wasserburg überreichte während der Festlichkeiten ein „wahres Prunkband“, das Tage vorher schon die Wasserburger Öffentlichkeit in einem dortigen Schaufenster bewundern konnte.

Wirtschaftlich gesehen war es die Zeit der beginnenden Inflation. Ein Pfund Fleisch kostete Ende August 1922 schon 200 Mark. Für einen Liter Bier musste man 30 Mark hinlegen, für eine Semmel 70 Mark. Und das war doch erst der Anfang der rasanten Geldentwertung!

1924 verzeichnet das Kassenbuch 14 Neuaufnahmen. Die Mitgliederzahl steigt in der ersten Jahreshälfte auf 39. Man nimmt an Sängerfesten der Umgebung teil. Die Jeweiligen Orte sind dann im Kassenbuch durch die festgehaltenen Ausgaben für den „Taferlbua“ erkennbar.

Dass sich die Liedertafel die Geselligkeit auch was kosten ließ, beweist 1925 ein Großteil der Ausgaben: Allein für den Vereinsball sind es für Musik 50 Mark; Steuer und Bewilligung kosten über 40 Mark! Was sich bei Letzteren dahinter verbirgt, ist im Kassenbucheintrag des darauffolgenden Jahres zu lesen: „Staatsgebühr, Armenkassa u.s.w.“. Es waren ja die Jahre des schlimmsten wirtschaftlichen Niederganges!

Plakat1926: „Chormeister“ ist Hauptlehrer Felix Frischeisen. Er regt bei der Liedertafel das Aufführen der dreiaktigen Operette „Der Holledauer Fidel“ an. Frischeisen findet Zustimmung und studiert in vielen Proben die Lieder und Chöre ein. Das damalige Werbeplakat für dieses Stück ist links zu sehen. Unterstützt wird er dabei von Lehrer Mayer, der mit den 30 Mitwirkenden die Bühnenparts einübt. Endlich ist es im März 1927 so weit: Es kommt zu fünf Aufführungen dieses fröhlichen Singspiels, sie „…lockten viele neugierige Besucher aus Nah und Fern in den dichtbesetzten, geräumigen Saal der Steinbeiß-Wirtschaft.“

Felix Frischeisen notiert nach den gelungenen Aufführungen: „Der Holledauer Fidel ist ein Beweis dafür, was Liebe, Fleiß und Einigkeit zu erzielen vermögen. Möge dieser Geist in unserer Liedertafel nie ersterben, sondern unsere Mitglieder zu immer noch größeren Leistungen anspornen!“ Viele Familiennamen von den Theaterspielern und sonstigen Mitwirkenden auf der Bühne, des Kinderchors, oder als begleitende Instrumentalisten sind auch nach mehr als zwei Generationen noch immer in Rott bekannt. Eine damals von Sebastian Köck gemachte Fotoaufnahme zeigt 34 der Mitwirkenden.

1927 hat die Liedertafel 36 aktive und passive Männer. Man gedenkt auch im Herbst der Gründung der Liedertafel vor 25 Jahren. Simon Dünstl und Leonhard Egger feiern dabei ihre 25-jährige aktive Mitgliedschaft. Vorstand Johann Gilg verweist in der Festrede darauf, dass Simon Baumgartner die gleiche Zeit als passives Mitglied der Liedertafel angehört. Der Festabend im „winterlichen Grün der Tannenzweige und die magische Beleuchtung wirkte allein schon bezaubernd auf das erwartungsvolle Publikum“  Auch diese Veranstaltung fand wieder im Steinbeiß-Saal statt. Die Liedertafel Wasserburg und die Liedertafel Ramerberg waren mit vertreten. Das Festprogramm zählt 18 Lieder und Musikstücke auf. Letztere gespielt von der „altbewährten Streichkapelle Huber von Arbing“. Doch Höhepunkt des Abends sei der Reigen von acht Paaren gewesen. Er „…nahm sich sehr hübsch aus und wurde sehr beifällig aufgenommen.“

Chormeister Frischeisen notiert, dass man in besseren Zeiten diese Erinnerung festlicher und vielleicht mit Fahnenweihe verbunden hätte – der „reine Konzertabend“ hat aber, so die Berichte im Rosenheimer bzw. Wasserburger Anzeiger „ungeteilten Beifall“ gefunden.

Auch in den nächsten Jahren trat die Liedertafel wiederum öffentlich auf. So beispielsweise beim Gausängerfest in Wasserburg oder etwa beim „Kellerkonzert“ am Fronleichnamstag, der ja nach der Teilnahme an der Prozession auch als „Volksliedertag“ begangen wurde. Auch werden im Kassenbuch Wirte genannt „Schmalzgruber“ (=Stechl) und „Sedlmaier“ …

Vom „Beschluss vom 31. Dezember 1930“ hier ein Auszug: „…Ferner wurde ein Taferlwart aufgestellt, wobei Herr Hermann Betzl von Rott als sehr geeignet erachtet und von der Vorstandschaft gewählt wurde. Derselbe besorgt die Bereitstellung der zu den Proben und Aufführungen notwendigen Musikalien. Außerdem verpflichtet er sich die Vereinsbeiträge einzuheben, wofür ihm eine Entschädigung von 1,5 RM oder Beitrag frei geleistet wird. …“

Die aktiven Mitglieder leisteten damals einen Beitrag von 1,50 RM, passive Mitglieder 2,00 RM.

1932 begrüßte man bei der wiederum am Silvestertag stattgefundenen Generalversammlung „…die liebenswürdige Übernahme der Dirigentenschaft des Hochw. Herrn Kooperator Sebastian Gruber.“

Und man liest im Protokoll von der „verhältnismäßig guten“ Teilnahme beim Ball im vergangenen Januar: Etwa 200 Personen waren „bei Herrn Gerlein“ (Bahnhofsgaststätte). So verlief das Vereinsleben der Rotter Liedertafel auch noch in den nächsten Jahren neben der Probenarbeit: Öffentliche Auftritte, gesellige Bälle, gemütliche Ausflüge.

Allerdings folgte bald in Verbindung mit dem deutschen Schicksalsjahr 1933 „der Anschluss an den KdF-Vereinsring (KdF= NS-Organisation „Kraft durch Freude“) als Notwendigkeit der Eingliederung, um das deutsche Lied, dessen Pflege der Verein sich auf seine Fahne geschrieben habe, über den vereinsmäßigen Rahmen hinaus in den Dienst des Volksganzen zu stellen.“ So der Zeitungsbericht zur Generalversammlung. Dabei wurde auch der 1936 versetzte Chorleiter Kooperator Gruber lobend erwähnt, „…der sich um die Hebung und Förderung des Männerchores große Verdienste erworben und auch die gesanglichen Leistungen gesteigert hatte…“ Die ehrenamtliche Aufgabe des Chormeisters übernimmt nach einstimmiger Wahl Lehrer Fritz Mayer.

1937 war es für den seit 35 Jahren bestehenden Verein ein finanzieller Kraftakt, ein Klavier um 220 RM anzuschaffen. Der damalige Kassenwart Leonhard Egger vermerkt man sei „…mit dem Kassenbestand am 31.12.1937 ziemlich weit heruntergekommen, der nur mehr 9 RM aufweist…“. Und weiter heißt es im Protokoll: „Infolge des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche am 26. Januar 1938 war es uns nicht mehr möglich, irgendeine musikalische Veranstaltung zu unternehmen, welche zu Gunsten des Vereins hätte führen können.“

Doch im Jahr 1939 gibt es ab August und für die kommenden Jahre auf der Einnahmenseite überhaupt keine Einträge mehr. Dafür erscheinen jetzt andere zeitbedingte Ausgaben: für Feldpostpäckchen an eingerückte Vereinsmitglieder. Der zweite Weltkrieg und die erste Nachkriegszeit unterbricht also auch bei der Liedertafel ein aktives Vereinsleben. In einem Protokoll vom 31. Dezember 1943 ist zu lesen: „Bezüglich geringen Besuches wurde von einer Generalversammlung abgesehen. Zur Wehrmacht einberufen sind z. Zt. elf Sangesbrüder und leider zwei gefallen. Es sind dies Egger Georg, Leiten und Egger Georg, Hart.“