Die Zeit seit ’69

Die „Ära Siglreitmaier“

Alois SiglreitmaierDie Aufgabe des Chorleiters bei der Liedertafel hat 1969 Alois Siglreitmaier übernommen. Nach dem Besuch von drei Seminaren bei der „Bad Feilnbacher Chorwoche“ legte er 1972 die Chorleiterprüfung mit Erfolg ab. Im Juni 1972 gibt es im Pfarrsaal einen festlichen Abend. Motto: „Freude mit Musik“. Es ist das 70-jährige Vereinsjubiläum. Auswärtige Mitwirkende sind das Besig-Streichquartett und der Rosenheimer Dreigesang – und zeigen mit den Chorleistungen der Liedertafel den hohen Qualitätsstand an diesem Jubiläumsabend! Auch der Jugendchor erntete an diesem Abend viel Beifall, „…nach relativ kurzer Aufbauzeit!…“ Weiter war die Meilinger Hausmusik mit dabei. Der Mitgliederstand ist auf 59 aktive Sängerinnen und Sänger angewachsen. Dazu kommen 18 passive Mitglieder. Als Ehrenmitglieder werden 1972 Hermann Betzl sen., Georg Glas, Martin Rottenfußer, Karl Lau sowie Simon Baumgartner geführt. Nun wird bei der Größe dieses Chores die Neuanschaffung von Singbüchern unumgänglich!

Am 10.11.1972 beschließt die Mitgliederversammlung mit Gültigkeit ab 1.1.1973 eine neue Satzung für die Liedertafel-Singgemeinschaft. Die mindestens 10 Personen umfassende Vorstandschaft wird am 7. September 1973 neu gewählt. 1. Vorstand ist wieder Matthäus Winkler, 2. Vorstand Georg Müller.

1973 ist die Singgemeinschaft erstmals zur Mitgestaltung des „Wasserburger Adventsingens“ im dortigen Rathaussaal eingeladen. Bis zum Jahr 2007 sollte dann die Liedertafel schließlich 27 mal mitwirken! In Rott gibt es nun – neben dem im Vorjahr gegründeten Jugendchor – auch noch die „Rotter Stubenmusi“ und die „Rotter Sängerinnen“.

Im Jahr 1977, als das 75-jährige Bestehen der Liedertafel gefeiert wird, ist die Mitgliederzahl bereits auf über 100 aktive und passive Mitglieder angewachsen.

Beim Frühlingssingen 1979 wirkt die „Feldkirchner Zithermusik“ mit Schorsch Hangl mit. In diesem Jahr ist Fieberbrunn / Tirol als ein mit der Geschichte der ehemaligen Abtei Rott verbundener Ort das Ziel des zwischenzeitlich alljährlich üblichen Jahresausfluges. Schließlich, beim zehnten Adventsingen im herrlichen Rahmen der Rotter Kirche treten die Freisinger Dombläsergruppe, die Mittbacher Sänger und die Sixn-Dirndl auf. Und neben den schon bekannten Rotter Gruppen und beiden Chören waren auch das Klarinettenduo Mayer-Herzog, die Meilinger Okarinamusi und die Feldkirchner Hiatabuam mit dabei.

1979 machte der Bayerische Rundfunk Aufzeichnungen vom gemischten Chor der Liedertafel Singgemeinschaft. Diese wurden dann mehrfach bei Sendungen ausgestrahlt.

Zu erwähnen ist dass die Liedertafel den Reinerlös (DM 900) des Frühlingssingens 1980 für die Beschaffung von Kopien der so genannten „Beichtstuhlengel“ dem Ignaz-Günther-Kreis zur Verfügung gestellt hat. Damit können die von Bildschnitzer Joseph Götsch beim Kirchenneubau geschaffenen Originale vor Diebstahl gesichert werden. Die hervorragenden Arbeiten erfolgten in der Oberammergauer Schnitzschule.

Mit einem Konzert begeht die Liedertafel am 26. Juni 1982 das 80-jährige Jubiläum. Mitwirkende sind der Männerchor Berganger, der Gemischte Chor der Liedertafel Rott, die Rotter Bläser, Maria Bodmaier an der Harfe und Richard Schwaiger (+ 1991) an der Orgel.

Am 2 Juli 1983 wird die aus Anlass der 900-Jahr-Feier von Rott am Inn in einer Auflage von 1000 Stück herausgegebene Langspielplatte „Auf lasst uns singen“ vorgestellt. Damit ging der Herzenswunsch des Initiators, des 1. Vorstandes Matthäus Winkler, in Erfüllung. Mitwirkende waren neben dem gemischten Chor der Liedertafel die Rotter Sängerinnen, die Rotter Stubenmusi, die Rotter Flötenmusi, das Rotter Gitarrentrio, sowie die 1978 von Hans Schön begründete Bläsergruppe der Pfarrei Rott am Inn.

1987 wurde die 1922 beschaffte Standarte restauriert und in einem Festakt von Ortspfarrer Ludwig Schleiß wieder gesegnet.

Am 30 März 1990 tritt Matthäus Winkler als Vorstand zurück. Sebastian Mühlhuber wird zum 1. Vorstand gewählt. Er fungierte zuvor 17 Jahre als Kassier.

Im April 1990 werden Matthäus Winkler für seine 30-jährige Tätigkeit als Liedertafel-Vorstand, und Alois Siglreitmaier für 20-jährige Chorleitertätigkeit geehrt. Nach dem Rücktritt Winklers von der mit viel Engagement ausgefüllten Tätigkeit als 1. Vorstand wird er in Würdigung dessen zum Ehrenvorstand ernannt.

Schon beim Festabend mit Ehrungen im Februar 1990 umschreibt der damalige Präsident des Bayerischen Sängerbundes, Professor Hauser die wichtige und schöne Aufgabe in einem Chor zu singen: Geborgenheit in der Gemeinschaft, Möglichkeit sinnvoller Freizeitgestaltung und das miteinander Musizieren als besonders hohes Gut.

Bei der Generalversammlung im April 1991 wird die Satzung um den Passus der eingetragenen Gemeinnützigkeit entsprechend abgeändert.

Bei der Veranstaltung am 22. Juni 1991 „Mit Musik  in den Sommer“ im Rotter Klostersaal tritt das Rotter Blockflötenquartett mit auf. Und am 27. Juni 1992 beim Jubiläumsabend „90 Jahre Rotter Liedertafel“ ist die Kolbermoorer Tanzlmusi zu Gast. Ebenfalls zu den Mitwirkenden zählen bei dieser Veranstaltung die Herzog-Flötenmusi und der Dreigsang Schön-Absmaier. An Aktiven zählt die Liedertafel zu diesem Zeitpunkt 34 Sängerinnen und 15 Sänger.

Seit 1969 ist Alois Siglreitmaier der für die Liedertafel und für ihre von hoher Qualität zeugenden Aufführungen der prägende Chorleiter. So blieb es auch nicht aus, dass er 1994 zum Kreischorleiter für die damals 16 Chöre des Sängerkreises Wasserburg-Ebersberg avancierte. Zu seiner Person schreibt 1982 Elisabeth Reichert-Mietenkam, die Witwe des Schauspielers Willi Reichert: „…als der Zimmermannssohn, den alle von Kind auf kennen, selbst Handwerker von Beruf, ist er im Heimatort von allen anerkannt – Lehrer und Beamte singen bei ihm ebenso wie Bauern und Handwerker – weil das weit überdurchschnittliche Können des Autodidakten Bewunderung fordert. Die Musik hat seinen Lebensweg von Kind an begleitet. Mit neun Jahren sang er schon bei den Vesperbuben. Dem damaligen Pfarrer von Rotte, der selbst ein hervorragender Musiker war, verdankte der Bub, dass seine Musikalität erkannt und gefördert und sein künstlerischer Geschmack gebildet wurde.“ Dieser Text erschien 1982 in der Reihe „Chöre und Orchester zwischen Inn und Salzach“ im Oberbayrischen Volksblatt.

Im Sommer 1994 erhalten die Ehrung für 50 Jahre Singtätigkeit Alois Siglreitmaier und der damals schon vor schwerer Krankheit gezeichnete Ehrenvorsitzende Matthäus Winkler. Trotzdem kam wenige Monate später die Nachricht von seinem Tod für Viele überraschend. Nach dem von „seiner Liedertafel“  würdig und eindrucksvoll gestalteten Seelengottesdienst fand er am 14 Januar auf dem Rotter Friedhof seine letzte Ruhestätte. 1982 schrieb Elisabeth Reichert-Mietenkam im oben bereits erwähnten Text über ihn: „…es ist sicher sein Verdienst, dass die Vereinigung einen großen Aufschwung erlebte, wobei der nostalgische Name „Liedertafel“ beibehalten wurde.“  Unvergessen sind Winklers vielfältiges Engagement, sein Sinn für Geselligkeit und die vielen von ihm mit initiierten Ausflüge, die oft mit einem begleitenden Kulturbeitrag verbunden waren. Schon 1963 hat Winkler einen Liedertafel-Ausflug in sein geliebtes Südtirol mit organisiert.

Bild AdventsingenVom in der Zwischenzeit zum festen Bestandteil des Jahresablaufs gewordenen „Rotter Adventsingen“ wird 1995 ein Betrag für die Renovierung der Rotter Pfarrkirche zur Verfügung gestellt. 1997 dann 1.320,– DM der „Aktion Adventsrufe“, oder 2001 dem „Verein zur Unterstützung und Förderung neurologisch kranker Kinder, Silberstreifen, Vogtareuth“ (DM 1.400.-).

Die Liedertafel pflegt den Gesang und macht damit seinen Mitgliedern, aber vor allem bei öffentlichen Auftritten Anderen Freude. Sie fördert das Gemeinschaftsgefühl – und kommt gerne mitmenschlichen Verpflichtungen nach.

Am 14. April 2002 wird der Liedertafel vom Bayerischen Kultusminister in Coburg die Zelter-Plakette verliehen. Die 1956 vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuß gestiftete Auszeichnung wird Chorvereinigungen verliehen, die sich durch langjähriges Wirken besondere Verdienst um die Chormusik und das kulturelle Leben erworben haben.

Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832), nach dem die Plakette benannt wurde, war ein großer Musiker und Komponist. Er gründete 1809 die Berliner Liedertafel, eine gesellige Sangesgenossenschaft von zunächst 24 Männern. Dies war ein epochales Ereignis, stellte es doch den Beginn des Männergesanges dar, welcher sich später in alle Welt verbreiten sollte.